IBA revisited
  • IBA Katalog

  • IBA Wohnbuch

  • IBA Impulse

  • Archive

  • « | Home | »

    Innovation durch Formate: Kurzfristige Effekte oder nachhaltige Impulse für die Stadt- und Regionalentwicklung?

    Festivalisierung von Stadtpolitik, Planen ohne Plan, IBA, REGIONALEN und EGC… Zusammenfassung der Ergebnisse des SURF-Kolloquiums vom 7. Februar 2012 – veranstaltet vom ILS – Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung

    …Themen, Thesen und Instrumente. Präsentiert und diskutiert im Rahmen des SURF[1]-Kolloquiums am 7.Februar 2012 – veranstaltet vom ILS, Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung. Fünf Vorträge widmen sich der Leitfrage der Veranstaltung; Innovation durch Formate: kurzfristige Effekte oder nachhaltige Impulse für die Stadt- und Regionalentwicklung? Die zentralen Antworten und Aussagen der jeweiligen RednerInnen – zwischen Analyse und Beschreibung variierend – werden im Folgenden zusammenfassend dargestellt.

    Prof. em. Dr. Walter Siebel von der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg macht die Festivalisierung der Stadtpolitik zum Gegenstand seines Vortrags. Der Begriff Festivalisierung findet seine Legitimation in der zunehmenden Durchführung und damit verbundenen Inszenierung von Stadtentwicklungsprojekten, die nach Siebel eine Ergänzung der flächendeckenden, hoheitlichen Planung darstellen, jedoch keinesfalls als Ersatz für Selbige zu verstehen sind. Im Sinne eines ergänzenden Planungsinstrumentes dient Festivalisierung vornehmlich der Steuerung von öffentlichen und privaten Subventionen sowie der Förderung einer symbolischen Ökonomie; der Produktion sowie medialer Vermittlung städtischer und/oder regionaler Images. Neben den beschriebenen Ergänzungsfunktionen zur flächendeckenden Planung ist die Festivalisierung der Stadtpolitik – als Sonderfall der allgemeinen Tendenz zur projektförmigen Organisation von Planung – nach Siebel zugleich eine zentrale Voraussetzung zur Organisation von Innovation, welche ein im herkömmlichen Sinne regelloses Handeln ins Ungewisse ermöglicht, zugleich jedoch Publikum benötigt und den bewussten Umgang mit Zeit erfordert. Insbesondere der zeitliche Aspekt – im Sinne der Außeralltäglichkeit von Projekten und Formaten – birgt nach Siebel Risiken: Feste machen müde! Zudem weitet sich ihr räumlicher Horizont zunehmend aus, was bei zeitgleicher finanzieller und politischer Einengung der Rahmenbedingen und schwindender Unterstützung Gefahren birgt. Somit bleibt abzuwarten, wie Städte und Regionen das Instrument der Festivalisierung zur projektförmigen Planungsorganisation zukünftig ausüben.

    Prof. Dr. Thorsten Wiechmann von der TU Dortmund, Fakultät Raumplanung, Fachgebiet Raumordnung und Planungstheorie, knüpft in seinem Vortrag an den Aspekt der zeitlichen Begrenzung – die Außeralltäglichkeit – von Projekten und Formaten der Stadtentwicklung an. Er diskutiert, ob Planung ohne Plan als Prämisse für zukünftige innovative Raumentwicklung dient; ob der heutige Ausnahmezustand zukünftig als Regelfall zu verstehen ist. Ursache für den Diskussionsbedarf dieser streitbaren Fragestellung sieht Wiechmann in der beinahe inflationären Durchführung experimenteller Stadt- und Regionalentwicklungsformate. Er sucht nach planungstheoretischen Erklärungen für die diagnostizierte Vielzahl und Popularität temporärer Projekte mit hohem Innovationsgehalt und exzerpiert punktuell aus diversen Fallbeispielen Erfolgsfaktoren für Planung ohne Pläne, ohne seine These eindeutig zu beantworten. Die Antwort überlässt er bewusst den ZuhörerInnen.

    Konkret verortete und durchgeführte Formate der Stadt- und Regionalentwicklung sind Gegenstand der drei weiteren Vorträge. Sie thematisieren die Erfahrungen und Perspektiven von und mit IBA, REGIONALEN und der European Green Capital. Prof. Christa Reicher von der TU Dortmund, Fakultät Raumplanung, Fachgebiet Städtebau, Stadtgestaltung und Bauleitplanung diskutiert in ihrem Vortrag die Einordnung der IBA Emscher Park als Phase des Strukturwandels sowie als Teil einer Wirkungskette, bestehend aus und zugleich basierend auf Formaten und Instrumenten der Stadt- und Regionalentwicklung im Ruhrgebiet. Dabei bildet die IBA Emscher Park die bauliche Hardware für die Bespielung der Region durch Formate wie die Europäische Kulturhauptstadt und trug entscheidend zur Regionswerdung und dem damit verbundenen Bewusstseins- und Wahrnehmungswandels im Ruhrgebiet bei. Als Ideengeber für eine innovative und außeralltägliche Bau- und Planungskultur hat ferner die IBA selbst einen thematischen und raumbezogenen Wandel durchlaufen und liefert Impulse für ihre aktuelle und zukünftige Anwendung. Dabei sind IBA keinesfalls in ihrer Gänze exportierbar. So wie sie aktiv einen Wandel in Städten und Regionen generieren, so wandelbar und entwicklungsfähig sind sie als Format selbst.

    Abschließend präsentieren Dr. Mario Reimer vom ILS sowie Klaus de Buhr von der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt der Freien und Hansestadt Hamburg ihre Erfahrungen mit der REGIONALEN 2010 in der Stadtregion Köln/Bonn bzw. mit dem Format der European Green Capital 2011 Hamburg. Reimer betont die Einzigartigkeit des Formats REGIONALE im Hinblick auf die Initiierung von Regionalisierungsprozessen als Bottom-Up-Strategie. Am masterplan :grün zeigt er im Rahmen der Kulturlandschaftsgestaltung auf, welche Lern- und Adaptionsprozesse in der Regionalentwicklung initiiert werden können. Reimer stellt dar, wie Nutzung und Entwicklung der Kulturlandschaft einer wachsenden Region als Gemeinschaftsaufgabe von 50 Kommunen in vier Landkreisen sowie drei kreisfreien Städten organisiert werden kann. Der masterplan :grün ist das Ergebnis einer kontinuierlichen Abstimmung aller Kommunen und Akteure, welcher stets fortgeschrieben und ergänzt wird.

    Klaus de Buhr präsentiert – angeleht an die Themen Mobilität, Klima & Energie, Natur & Stadtgrün, Stadtentwicklung & Wohnen, Ressourcenschutz & Wirtschaften, Nachhaltiger Konsum – Leitprojekte Hamburgs im Rahmen des von der EU-Kommission verliehenen Titels European Green Capital 2011. Neben der Neupflanzung von rund 2000 Straßenbäumen hebt de Buhr besonders den Zug der Ideen hervor, den schienengebundenen, europaweit verkehrenden Botschafter dieses Stadtentwicklungsformates, welcher Visionen für die Städte der Zukunft zeigte. Ergänzend zur Beschreibung formatbezogener Einzelprojekte verweist de Buhr in seinem Vortrag auf die unterschiedlichen Reaktionen seitens Öffentlichkeit und Medien auf das Format EGC. Während die European Green Capital überregional auf Anerkennung und positives Feedback stößt, regt sich in Hamburg zuweilen Kritik und Widerstand gegen das Format, dessen Vermarktung und Auswirkungen.

     

    Ausblick

     Das SURF-Kolloquium lieferte einen fundierten Einblick in Strategien und Formate der Stadt- und Regionalentwicklung sowohl theoretisch als auch auf konkreten Erfahrungen basierend. Die Leitfrage der Tagung konnte und sollte letztlich nicht universell beantwortet werden. Ob ein Format wie IBA, REGIONALE oder EGC kurzfristige Effekte oder nachhaltige Impulse für die Entwicklung von Städten und Regionen generiert, ist je nach Raumausschnitt, Zeithorizont, ökonomischen Rahmenbedingungen und der Perspektive des Betrachters zu bewerten. Letzteres wird insbesondere an der unterschiedlichen Wahrnehmung des Formates IBA deutlich. Während in Hamburg laut de Buhr die Außenwahrnehmung deutlich positiver ausfällt als die Binnensicht, so sind bei der IBA Fürst-Pückler-Land laut Wiechmann konträre Entwicklungen zu beobachten. Vielleicht ist bereits diese Entwicklung auf die Aussagen Siebels zurückzuführen: Feste machen müde; und die inflationäre Anwendung von Formaten der Stadt- und Regionalentwicklung birgt Risiken. Der allgemeine Tenor hebt jedoch die positiven Aspekte von IBA, REGIONALE und Co. hervor. Synergien für die Stadtentwicklung, innovativer Charakter und projektorientierte Planung sind Potenziale und Qualitätsmerkmale, die es zu sichern und erweitern gilt.

     

     

     



    [1] Stadt- und regionalwissenschaftliches Forschungsnetzwerk Ruhr

    Topics: Allgemein | Kein Kommentar »

    Kommentare geschlossen.